EXIST-Gründungsstipendium 2026: Höhe, Antrag, Fallstricke
Kurz gesagt
Das EXIST-Gründungsstipendium fördert Gründungen aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen zwölf Monate lang mit 1.000 bis 3.000 Euro pro Person und Monat, je nach Abschluss. Dazu kommen bis zu 30.000 Euro Sachausgaben für Teams und 5.000 Euro Coaching. Den Antrag stellt die Hochschule, Teams haben höchstens drei Mitglieder.
Ein Team aus einer promovierten Ingenieurin, einem Informatik-Absolventen und einer Masterstudentin kann über EXIST in einem Jahr gut 110.000 Euro Förderung bekommen. Ohne dafür Anteile abzugeben. Kaum ein anderes Programm in Deutschland ist für die Frühphase so großzügig.
Der Haken: Es gibt einen klaren Zugang, und der führt über die Hochschule. Wer keine Verbindung zu einer Hochschule oder Forschungseinrichtung hat, ist raus. Wer eine hat, sollte die Bedingungen genau kennen, bevor das erste Gespräch mit dem Gründungsnetzwerk stattfindet.
Was das Stipendium zahlt
Das Programm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie läuft über den Projektträger Jülich und wird aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds Plus kofinanziert. Die Förderrichtlinie stammt vom 18. April 2023, das Programm ist bis Ende 2029 angelegt. Gefördert wird zwölf Monate lang.
Zusätzlich 150 € Kinderzuschlag pro Monat je unterhaltspflichtigem Kind.
Quelle: Projektträger Jülich, Programmseite EXIST-Gründungsstipendium (abgerufen Oktober 2026)
Neben dem Lebensunterhalt gibt es Sachausgaben bis 10.000 Euro für Einzelgründungen und bis 30.000 Euro für Teams. Davon bezahlst du zum Beispiel Software-Lizenzen oder den Bau von Prototypen. Für gründungsbezogenes Coaching kommen 5.000 Euro dazu.
Ein Punkt, den viele erst spät bemerken: Das Stipendium ist kein Arbeitsverhältnis, es führt also kein Arbeitgeber Sozialversicherungsbeiträge für dich ab. Kläre mit deiner Krankenkasse, wie du in dieser Zeit kranken- und pflegeversichert bist. Den Beitrag ziehst du von den 2.500 Euro ab, bevor du deinen Lebensunterhalt planst.
Wofür die Sachausgaben verwendet werden, legt der Arbeitsplan im Antrag fest. Plane sie deshalb konkret: welche Server, welche Lizenzen, welche Nutzertests. Pauschale Posten wie „Marketing 10.000 Euro“ lassen sich schwer begründen und später schwer abrechnen.
Rechenbeispiel für ein Dreierteam
- Promovierte Gründerin: 12 × 3.000 €
- 36.000 €
- Absolvent: 12 × 2.500 €
- 30.000 €
- Studentin: 12 × 1.000 €
- 12.000 €
- Sachausgaben Team
- 30.000 €
- Coaching
- 5.000 €
- Summe
- 113.000 €
Annahme: keine Kinder, volle Ausschöpfung von Sachmitteln und Coaching. Beträge laut Projektträger Jülich.
Zum Vergleich: Für 30.000 Euro Sachmittel bekommst du bei 90 Euro pro Stunde, dem Median für Software-Freelancer laut Freelancer-Kompass 2026, rund 330 Entwicklungsstunden. Das reicht für einen ordentlichen Teil eines MVP, siehe die Rechnung zu den Kosten eines MVP. Wer selbst entwickelt, steckt das Geld eher in Server und Nutzertests.
Wer gefördert wird
Antragsberechtigt sind Gründungsvorhaben aus Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Konkret:
- Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen.
- Absolventinnen, Absolventen und ehemalige wissenschaftliche Mitarbeitende bis fünf Jahre nach Abschluss oder Ausscheiden.
- Studierende als Teil eines Teams, wenn sie bei Antragstellung mindestens die Hälfte ihres Studiums absolviert haben.
Ein Team hat höchstens drei Mitglieder. Eines davon darf einen qualifizierten Berufsabschluss statt eines Studiums haben oder einen Hochschulabschluss, der länger als fünf Jahre zurückliegt. Teams, die überwiegend aus Studierenden bestehen, werden laut Universität Kassel nur ausnahmsweise gefördert.
Inhaltlich geht es um technologieorientierte Gründungen und wissensbasierte Dienstleistungen, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. Eine Agentur für Social-Media-Marketing passt nicht. Eine Software, die ein Verfahren aus deiner Masterarbeit marktfähig macht, sehr wohl.
So läuft der Antrag
Den Antrag stellt nicht das Gründungsteam, sondern die Hochschule oder Forschungseinrichtung. Der erste Weg führt deshalb immer zum Gründungsnetzwerk oder Inkubator deiner Hochschule.
- GründungsberatungTermin beim Gründungsnetzwerk der Hochschule. Einordnung, ob EXIST passt oder ein anderes Programm.
- Mentor findenEine Professorin oder ein Professor betreut das Vorhaben fachlich.
- IdeenpapierBeschreibung von Idee, Markt, Team und Arbeitsplan. Wird mit dem Gründungsnetzwerk abgestimmt.
- Antrag durch die HochschuleEinreichung beim Projektträger Jülich, jederzeit möglich. Die Hochschule sagt einen Arbeitsplatz für ein Jahr zu.
- FörderbeginnLaut Universität Kassel drei Monate nach dem Antragstermin.
Plane Vorlauf ein. Die Universität Kassel etwa bittet Teams, sich spätestens sechs Wochen vor der Antragsfrist zu melden. Bei anderen Hochschulen ist es ähnlich, weil die interne Abstimmung samt Mentorensuche Zeit braucht.
Zum ersten Termin bringst du am besten eine Seite mit: Problem, erste Belege, Team, offene Fragen. Mehr braucht es nicht. Das Gründungsnetzwerk sagt dir dann, ob EXIST passt, und kennt die Eigenheiten der eigenen Hochschule, etwa interne Fristen oder Vorgaben für das Ideenpapier.
Was ins Ideenpapier gehört
Das Ideenpapier ist das Herzstück des Antrags. Einen festen Seitenumfang geben die Hochschulen unterschiedlich vor, frag beim Gründungsnetzwerk nach der aktuellen Vorlage. Inhaltlich wollen Gutachter fast immer dasselbe wissen.
- Welches Problem löst das Produkt, und für wen genau?
- Was ist technisch oder wissenschaftlich neu daran, und woher stammt das Wissen?
- Wer sind die Wettbewerber, auch die indirekten wie Excel oder Dienstleister?
- Wie soll Geld verdient werden, mit Preisannahme?
- Wer ist im Team, und wer übernimmt welche Rolle?
- Was soll nach zwölf Monaten erreicht sein, in prüfbaren Meilensteinen?
Der letzte Punkt ist der unterschätzte. „Businessplan fertig” ist kein Meilenstein. „Prototyp mit fünf Pilotkunden getestet, zwei davon mit Absichtserklärung” ist einer.
Schreib knapp. Gutachter lesen viele Anträge.
Was oft schiefgeht
Die Gesellschaft zu früh gründen. EXIST fördert die Vorgründungsphase. Laut den FAQ zum Gründungsstipendium darf die Gründung während der Förderung erfolgen, aber nicht schon vor ihrem Beginn. Wer bereits eine UG oder GmbH hat, bespricht das vor dem Antrag mit dem Gründungsnetzwerk. Gegründet wird typischerweise während der Laufzeit, dann auch mit Blick auf die Frage UG oder GmbH.
Ein Ideenpapier, das die Technik feiert und den Markt vergisst. Gutachter wollen sehen, wer das Problem hat und warum er zahlen wird. Belege aus Kundeninterviews wiegen mehr als ein weiteres Diagramm zur Architektur.
Das falsche Team. Drei Informatiker ohne jemanden, der verkauft, sind ein häufiges Muster. Wer noch einen technischen Kopf sucht, findet Hinweise im Beitrag technischen Mitgründer finden. Fehlt umgekehrt die betriebswirtschaftliche Seite, hilft oft ein Blick in andere Fakultäten derselben Hochschule.
Den Anschluss vergessen. Nach zwölf Monaten endet das Stipendium. Bis dahin brauchst du Umsatz, eine Anschlussfinanzierung oder beides. Wer im neunten Monat mit der Suche nach Investoren beginnt, ist zu spät. Wie das geht, steht im Beitrag Business Angel finden.
Wenn das Gründungsstipendium nicht passt
EXIST hat weitere Programmlinien. EXIST-Forschungstransfer richtet sich an entwicklungsintensive Vorhaben, bei denen schon ein Proof of Principle vorliegt, also etwa ein Labormuster, das zeigt, dass das Verfahren grundsätzlich funktioniert. Das passt eher zu Deep-Tech-Projekten mit langer Entwicklungszeit als zu einer Software, die in sechs Monaten am Markt sein kann.
EXIST-Women ist für Frauen gedacht, die mit einer ersten Gründungsidee starten und sie in einem geschützten Rahmen ausarbeiten wollen. Es kann ein guter Vorlauf für ein späteres Gründungsstipendium sein.
Wer gar keinen Hochschulbezug hat und arbeitslos gemeldet ist, sollte sich den Gründungszuschuss der Arbeitsagentur ansehen. Die Bedingungen sind völlig andere.
Unsere Einschätzung
Wer die Voraussetzungen erfüllt, sollte EXIST fast immer beantragen. Ein Jahr Lebensunterhalt ohne Verwässerung, dazu Arbeitsplatz, Mentor und ein Netzwerk, das mit dem Antrag Erfahrung hat: Das bietet kein privater Investor. Nicht lohnend ist es nur, wenn die Idee keinen echten Wissenschaftsbezug hat und das Ideenpapier sich das zurechtbiegen müsste.
Auch Venture Studios wie OnlineBuilders schauen sich solche Teams an, meist aber erst gegen Ende der Förderung, wenn es um den Schritt vom Prototyp zum Produkt geht. Aktuelle Details zum Programm stehen auf der Programmseite des Projektträgers Jülich.
Nächster Schritt: Finde heraus, wie das Gründungsnetzwerk deiner Hochschule heißt, und vereinbare einen Termin. Bring eine Seite mit: Problem, Belege, Team, offene Fragen.
Häufige Fragen
Kann ich das EXIST-Gründungsstipendium als Einzelperson bekommen?
Ja, Einzelgründungen sind möglich. Die Sachausgaben sind dann auf 10.000 Euro begrenzt statt 30.000 Euro für Teams. Bei der Prüfung zählt neben der Idee auch das Team, und ein Einzelgründer muss glaubhaft machen, dass er alle Rollen abdeckt.
Darf ich neben dem Stipendium arbeiten?
Nur eingeschränkt. Laut den FAQ des Programms soll die Arbeit am Gründungsvorhaben im Mittelpunkt stehen, eine parallele Erwerbstätigkeit ist nur begrenzt möglich. Den genauen Umfang kläre vor Antragstellung mit deinem Gründungsnetzwerk.
Wie lange dauert es vom Antrag bis zur Förderung?
Die Universität Kassel etwa nennt als Förderbeginn drei Monate nach dem Antragstermin. Rechne mit der Vorbereitung des Ideenpapiers und der Abstimmung mit dem Gründungsnetzwerk eher mit vier bis sechs Monaten ab dem ersten Gespräch.
Muss ich nach dem Stipendium gründen?
Ziel des Programms ist die Gründung, und während der Laufzeit soll der Businessplan entstehen. Was gilt, wenn die Gründung am Ende ausbleibt, regelt der Stipendienvertrag. Lass dir das vom Gründungsnetzwerk vor der Unterschrift erklären.
Gibt es EXIST auch für Forschungsprojekte mit hohem Entwicklungsaufwand?
Ja, EXIST-Forschungstransfer richtet sich an entwicklungsintensive Vorhaben mit bestehendem Proof of Principle. Für Gründerinnen mit einer ersten Idee gibt es außerdem EXIST-Women.